Fell: IEA-Bericht: «Es müssen endlich realistische Szenarien her»

14.11.15  11:00 | Artikel: 963245 | News-Artikel (Red)

Fell: IEA-Bericht: «Es müssen endlich realistische Szenarien her»
Hans-Josef Fell,
Bündnis90/Die Grünen
Der gestern veröffentlichte «World Energy Outlook» der Internationalen Energieagentur (IEA) reiht sich ein in eine lange Tradition: Potenziale von erneuerbaren Energien werden klein geredet, konventionelle Energiequellen überschätzt, kritisiert Hans-Josef Fell, Ex-Bundestagsabgeordneter und Präsident der Energy Watch Group. Mit Blick auf die entscheidende UN-Klimakonferenz müsse die IEA endlich einen realistischen Wegweiser liefern.

Die letzten Entwicklungen rund um den Ölpreis verdeutlichten, dass das Energiesystem an einem Wendepunkt steht. Der tiefe Ölpreis hat die bereits bestehende Schieflage der Ölfirmen noch verstärkt. Ohne die Null-Zinspolitik und massive Subventionen wären die meisten Firmen nicht mehr überlebensfähig. Es ist absolut offen, ob die Transformation des Energiesystems verträglich oder mit großen Verwerfungen vor sich gehen wird. Entweder wird ein hoher Ölpreis die Wirtschaft zerreißen, oder ein niedriger die Ölfirmen.

Gerade deshalb wären brauchbare Wegweiser unerlässlich – und was macht die IEA? Sie fabuliert im aktuellen "World Energy Outlook" (WEO) von einem weltweiten Ölverbrauch bis zum Jahr 2040 von 103,5 Mb/Tag. Dies ist in Anbetracht der überschuldeten Ölfirmen und den eigenen Warnungen der IEA vor den stark zurückgefahrenen Investitionen im Erdölsektor völlig unrealistisch. Bereits im Jahr 2014 lagen die Nettoinvestitionen in neue Stromerzeugungskapazitäten erstmals bei den Erneuerbaren höher als bei fossilen Kraftwerken.

Die IEA macht sich mit ihren Publikationen selbst zu einem zentralen Verursacher der im WEO beklagten Emissionssteigerungen und dem zunehmenden Klimawandel. Die aktuelle Strategie der IEA scheint zu sein, völlig inakzeptable Zahlen als fortschrittlich zu kommunizieren. Die IEA kann nicht mehr als glaubwürdiger Energieanalyst ernst genommen werden.

Die Energy Watch Group ruft die IEA dazu auf, das exponentielle Wachstum der erneuerbaren Energien anzuerkennen und endlich realistische Energieszenarien zu entwickeln. Die Berechnungsmodelle der IEA müssen transparenter werden und unabhängigen Peer-Reviews unterzogen werden.

Damit die IEA nicht weiter ein Teil des Problems sondern ein Teil der Lösung sein kann, sind Reformen dringend notwendig. Dazu muss sich die IEA sowohl von ihrer Entstehungsgeschichte, die zurückgeht auf die Ölkrise 1973, als auch von der Einvernahme durch die Interessen der konventionellen Energiewirtschaft lösen. Die IEA tragenden OECD Länder, allen voran die USA, müssen der IEA endlich freie Hand für fehlerfreie Analysen geben.







Autor: Hans-Josef Fell

www.hans-josef-fell.de

Hans-Josef Fell war energiepolitischer Sprecher der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen und Mitglied des Bundestages von 1998 bis 2013. Er ist Präsident der Energy Watch Group (EWG) und Autor des EEG. Wir veröffentlichen regelmäßig einen Teil der wöchentlichen Infobriefe zum Thema Energiepolitik.



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Energiepolitik | Klimaschutz

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