Stellen Sie sich vor, dass … (oder warum die Kapazitätsreserve nicht funktioniert)

25.08.15  12:12 | Artikel: 962964 | News-Artikel (Red)

Stellen Sie sich vor, dass … (oder warum die Kapazitätsreserve nicht funktioniert)
Rheinhafen-Dampfkraftwerk
Karlsruhe | Bild: EnBw
“Weitere 9 Kraftwerke sollen vom Netz gehen” lautete die Nachricht in den Tagesthemen des Montag-Abends. Eine wirtschaftliche Entscheidung der Betreiber, die man vielleicht verstehen kann, vielleicht auch Fragen der Versorgungssicherheit aufwirft.

Nach dem ursprünglichen Plan einen Kapazitätsmarkt zu schaffen, geht der Trend jetzt zur Kapazitätsreserve. Versorgungssicherheit und Kapazitätsreserve wollen allerdings nicht entkoppelt betrachtet werden, denn letztendlich sollen genau die Kraftwerke, die sich in der “Reserve” befinden dann einspringen, wenn es dem Markt nicht gelingt die Versorgung zu sichern.

Stellen wir uns einige Minuten vor, wir sind Betreiber eines Kraftwerks….

Schaut man gezielt auf den Spotmarkt, dann wird sich ein anderes Bild ergeben. Nach dem Einspeiseprivileg kam das Vermarktungsprivileg – dies bedeutet, dass jeglicher EEG geförderte Strom an der Spotbörse verkauft werden muss, bevor andere Betreiber zum Zuge kommen. Die Folge waren in der Vergangenheit negative Strompreise, da “zu jedem Preis” verkauft wurde. Wer denkt, dass zum Zeitpunkt von negativen Strompreisen alle nuleark/fossilen Kraftwerke vom Netz sind – oder für die Einspeisung von Strom sogar Geld zahlen müssen – liegt falsch. Wird im Terminmarkt der Strombedarf zu hoch eingeschätzt, so geht die Nachfrage auf dem Spotmarkt zurück. Selbst wenn es eine negative Nachfrage gibt (Bilanzkreisverantwortliche müssen Strom abverkaufen, der zuviel eingekauft wurde), wird der EEG Anteil den Preis noch einmal nach unten korrigieren.

Nachfrage und verkaufte Strommengen am Terminmarkt lassen sich sehr gut prognostizieren. Dies bedeutet, dass der Kraftwerksbetreiber jetzt gegen die Versorgungssicherheit wetten kann. Die geforderte Zulassung von extremen Preisen verschärft die Situation weiter (vergl. Maßnahme 1: “Freie Preisbildung am Strommarkt garantieren“). Bislang ist nicht erkennbar, wie konventionelle Kraftwerke daran gehindert werden sollen, im Falle einer tatsächlichen Knappheit ihr Angebot nicht zu einem überhöhten Preis zu platzieren. Im Gegensatz zu den EE-Strommengen haben konventionelle Kraftwerke keine Verpflichtung ihren Strom tatsächlich zu erzeugen und einzuspeisen.

Was macht der Kraftwerksbetreiber, wenn man sich verzockt hat?

Der Terminmarktpreis war nicht befriedigend. Die Verknappung am Spotmarkt ist nicht wie erhofft eingetreten. In diesem Falle besteht immer noch Handlungsspielraum. Auch wenn es bislang unbestätigt ist, so wird auch heute bereits über die sogenannten ungeplanten Nichtverfügbarkeiten der Geldfluss optimiert. Oder glaubt irgendjemand, dass am 23.08.2015 tatsächlich 18 technische Störungen vorhanden waren?




Autor: Thorsten Zoerner

blog.stromhaltig.de

Thorsten Zoerner betreibt den Blog stromhaltig.de. Einen Großteil seiner Fachartikel veröffentlichen wir regelmäßig auch hier auf unserer Seite. Thorsten Zoerner ist Gründungsmitglied der Energieblogger.



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