Stromhandel und seine Spuren im Netzbetrieb

18.12.14  13:00 | Artikel: 962206 | News-Artikel (Red)

Stromhandel und seine Spuren im NetzbetriebDer Handel mit elektrischer Energie ist die Vorstufe zur Erfüllung der Regel Verbrauch ist gleich der Erzeugung. Die Synchronität aus Einspeisung und Entnahme wird zunächst über Lieferverträge und Entnahmeverträge zwischen den Akteuren vorgegeben. Es wird geregelt, welche Mengen zu welchem Zeitpunkt über das öffentliche Stromnetz transportiert werden sollen. Das Ergebnis wird den Netzbetreibern mitgeteilt, die daraus die sogenannten Fahrpläne bauen.

Das aktuelle Markt-Design ist in weiten Teilen ein sogenannter Energy-Only-Markt (EOM), bei dem nach Zeit/Menge die Verträge auf drei unterschiedlichen Marktplätzen geschlossen werden: OTC (Direktverträge), EEX (Terminmarkt), EPEX (Spotmarkt).

Beim Aufbau eines Strommarktes für die Energiewende sollten die bestehenden systemischen Schwächen des aktuellen Marktes analysiert und nach Möglichkeiten behoben werden.

Börsenhandel indizierte Frequenzschwankungen


Auswirkung der 15 Minuten Kontrakte (Spot-Markt)

In Kooperation mit Netzfrequenz.info wird bei blog.stromhaltig eine Detailanalyse der Netzfrequenz im europäischen Verbundnetz (ENTSOe) vorgenommen. Im Rahmen der stochastischen Analyse sind bereits einige Hypothesen zu den Auswirkungen des Spotmarktes auf die Netze bestätigt worden.

Die 2011 durch den Marktbereiter EPEXSpot eingeführten 15-Minuten-Kontrakte zeigen im Jahre 2014 erstmals Signifikanz im Stromnetz. Getragen wird dieses Messergebnis durch den Anstieg der Handelsvolumen bei der Strombörse.

Frequenzschwankungen entstehen generell durch Lastwechsel. Primäre Ursache sind Änderungen der Leistung an den Erzeugungs- oder Verbrauchsstellen des Netzes. Die in dieser Untersuchung beobachteten Frequenzsprünge von bis zu +/- 0,1 Hz sind jedoch auf Schaltvorgänge im Stromnetz zurückzuführen.

Jeder einzelne Liefervertrag, der im Handel geschlossen wird, verursacht die Notwendigkeit eines entsprechenden Stromflusses, der mittels der Schaltvorgänge hergestellt wird. Subsumiert wird dies im Begriff der Stromlogistik im Folge eines Handelsgeschäftes.

Aufwand der Stromlogistik für einzelne Strommärkte

Eine mit Sicherheit zu überprüfende Variante für den “Strommarkt der Energiewende” ist die Beibehaltung der aktuellen Praxis mit OTC, Börse für Termingeschäfte und Spotmarkt. Diese hat sich besonders durch die auf Handel gestützte Versorgungssicherheit bewehrt.

Allerdings sollte klar sein, dass die Notwendigkeit der Schaltvorgänge im Höchstspannungsnetz bei zunehmenden Handelsvolumina an der EPEX-Spot (vergl. Pressemeldung des Börsenplatzes) in sich selbst ein Risiko birgt.

Im Jahre 2006 hatte ein einzelner Schaltvorgang im Höchstspannungsnetz zu einem Stromausfall in weiten Teilen Europas geführt.

Zukünftige Marktmodelle
Für das Grünstrom-Markt-Modell können keine gesicherten Aussagen getroffen werden. Da ein Teil der Liefermengen zeitgleich von dedizierten EE-Anlagen an den Kunden geliefert werden, ist mit einem latenten Rückgang des Spot-Handelsaufkommens zu rechnen. Das GMM macht aktuell jedoch keine Aussagen zu den Änderungen bei den Verteilnetzbetreibern, die ebenfalls eine wichtige Größe auf dem Spot-Markt sind.

Beim BDEW-VKU Modell des Dezentralen Leistungsmarktes erhalten Kraftwerke des heutigen OTC oder Terminmarktes sogenannte VSN (Versorgungssicherheits Nachweise). Diese könnten in einem ähnlichen Horizont wie die heutigen Spot-Produkte gehandelt werden:

Vertriebe können so das von ihnen kontrahierte Volumen an VSN an einen veränderten Bedarf anpassen.Die zeitliche Auflösung eines VSN entspricht der im Energiehandel üblichen Marktzeiteinheit, d. h. derzeit eine Stunde.


Im Modell des Dezentralen Leistungsmarktes werden die Bilanzkreisverantwortlichen (BKV) als Letztverbraucher angesehen, die untereinander in Konkurrenz stehen. Kommt es zu einer Verknappungssituation könnte dies zu einem Anstieg der VSN-Handelsvolumina führen, wie es bereits auf dem Spot-Markt beim Orkan Xaver im Dezember 2013 aufgetreten ist, in deren Folge es zu einem sprunghaften Anstieg der Fahrplanänderungen im Netzbetrieb gab (vergl. Sturmtief Billie – Dezember 2014).

Das Hybridsstrom Modell geht von einer zunehmend stabilen Stromlogistik aus, die einen regionalen Bezug zwischen Erzeugung (Dargebot) und Entnahme (dynamischer Verbrauch) fördert, die den Stromkunden einbindet. Die notwendigen Netztraversen sind über die Dauer des Vertragsverhältnis konstant und unterliegen keiner durch den Handel induzierten Schwankung. Dieses Design führt zu einer Verstetigung der Stromlogistik durch Reduktion der Schaltvorgänge.




Autor: Thorsten Zoerner

blog.stromhaltig.de

Thorsten Zoerner betreibt den Blog stromhaltig.de. Einen Großteil seiner Fachartikel veröffentlichen wir regelmäßig auch hier auf unserer Seite. Thorsten Zoerner ist Gründungsmitglied der Energieblogger.



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