Katharina Nocun: Kinox.to: Ein Spezialkommando für das Urheberrecht

28.10.14  09:15 | Artikel: 962027 | News-Artikel (Red)

Katharina Nocun: Kinox.to: Ein Spezialkommando für das Urheberrecht
Katharina Nocun, Netzaktivistin
und ehem. Politische
Geschäftsführerin der
Piratenpartei Deutschland
Denke ich an Lübeck, dann kommen mir hauptsächlich seltsame Musikinstrumente, ein Badesee und Brombeeren in den Sinn.

Doch hinter der Fassade eines norddeutschen beschaulichen Fachwerk-Idylls verbirgt sich ein dichtes Netz aus organisierter Kriminalität.

So jedenfalls lautet der Tenor der Berichterstattung zu dem Razzien im Umfeld der Streaming-Seite „Kinox.to“.

Besonders beeindruckt hat mich dieses «Symbolbild» im Hamburger Abendblatt.

[Quelle: Hamburger Abendblatt]


Im Text darunter hieß es:

„Die Hauptbeschuldigten, zwei Brüder im Alter von 25 und 21 Jahren, wohnen in Lübeck bei ihren Eltern – eine Spezialeinheit stürmte das Haus, die Brüder waren bereits verschwunden.„

Vielleicht lagen die Jungs mal mit mir am selben Lübecker Badesee – man sieht es den Menschen ja nicht an. Vielleicht saßen die Eltern grad bei Kaffee und Kuchen als die “Spezialeinheit” einrückte und debattieren nun über Taschengeldentzug. Ich für meinen Teil habe ein dejá vu. Und da bin ich wohl nicht die Einzige. Vorausschauende Menschen haben sich bereits „kinoy.to“ und „kinoz.to“ reserviert.

Die Durchsetzung des Urheberrechts wirkt in diesen Tagen wie ein bemühtes Theaterstück. Die Darsteller sitzen ihre Vorstellungen ab bis zum Ende der vom Intendanten verordneten Spielzeit. Zum Klatschen bleibt längst keiner mehr. Aber Hauptsache der Intendant ist zufrieden. Und in den Zeitungen erscheinen gute Kritiken (s.o.).

Die großspurige „digitale Agenda“ der Bundesregierung wird an dieser großen Farce wenig ändern. Aber bestimmt war die Premierenfeier gut. Und alle haben sich die Hände mit großer Ernsthaftigkeit geschüttelt und betont wie notwendig es doch sei mit der Zeit zu gehen. In Ma(a)ßen, versteht sich. Währenddessen entpuppt sich das von Union, SPD und FDP hochgelobte Leistungsschutzrecht als Rohrkrepierer.

Anlässlich der Abonierung eines Online-Senders lädt ein Freund zum gemeinsamen Fernseher-aus-dem-Fenster-Schmeißen. Das letzte Mal ist länger her. Zeitungssterben klingt so schön endgültig, beim Fernsehsterben haben weniger Leute was dagegen.Und eigentlich sollte ich die 5 Lagen Tageszeitung vom Tisch entfernen. Aber die Überschrift des kinox.to Artikels ist so schön reißerisch.

Montag liegt wieder meine Zeitung im Briefkasten. Der Zusteller bekommt keinen Mindestlohn – die Verleger haben eine Ausnahme erstritten und die Politik hat es abgenickt. Ich überlege eine Kleinigkeit am Briefkasten zu deponieren – als Entschuldigung dafür, dass Leute wie er das Ganze nun ausbaden muss. Zum Schnittchenessen sind immer andere geladen.


Anmerkung der Redaktion:

Das Hamburger Abendblatt hat wohl seine Schlagzeile geändert.
Unter dem ursprünglichen Link
abendblatt.de/.../Spezialeinheit-stuermt-Haus-von-Betreibern-der-Plattform-kinox-to
wird man jetzt umgeleitet zu
abendblatt.de/.../Polizei-fahndet-europaweit-nach-Betreibern-von-kinox-to

Die Vorgehendweise der deutschen Behörden ist übrigens wohl mittlerweile die gleiche, wie international üblich. Auch bei der Verhaftung von Kim Dotcom (Gründer von MEGA Upload) war es eine bewaffnete Spezialeinheit, die angerückt ist.





Autor: Katharina Nocun

kattascha.de

Katharina Nocun (@kattascha) ist Netzaktivistin und war von Mai bis November 2013 politische Geschäftsführerin der Piratenpartei Deutschland. Aktuell ist sie Themenbeauftragte für Datenschutz der Piratenpartei Deutschland. In ihrem Blog schreibt sie über Themen wie Netzpolitik, Datenschutz, Informationsfreiheit und digitale Menschenrechte.
Die hier genehmigten und veröffentlichten Artikel dienen der stärkeren Informationsverbreitung.



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