Gewitter im Kohlemeiler

04.07.14  10:30 | Artikel: 961699 | News-Artikel (Red)

Gewitter im KohlemeilerSommerzeit ist Gewitterzeit. Auch für die kommenden Tage meldet die Unwetterzentrale einzelne lokale Gewitter, die ihre Spuren auch im Stromnetz hinterlassen.

Kann man das Eigenheim relativ leicht vom Stromnetz trennen und entsprechende Schutzvorrichtungen installieren, ist ein fossiles Kraftwerk mehr oder weniger schutzlos dem Geschehen ausgeliefert. Schnelles und vor allem kompetentes Handeln wird von den Betriebsmannschaften gefordert, um im Ernstfall auf das Wetterphänomen zu reagieren, das deutlich schwerer vorhersehbar ist als Sonne und Wind.

Im Interview mit blog.stromhaltig beschreibt ein Schichtleiter eines fossilen Kraftwerkes, seine Eindrücke bei einem Gewitter.

“Solange keine Handwerker in der Anlage unterwegs sind, ist das hier der ruhigste Job der Welt”, scherzt Friedrich [Name durch Redaktion geändert]

Die Männer (und eine Frau) haben den Laden im Griff. Störungen gibt es fast keine, daher ist die Überwachung der Monitore in der Regel durch Abwarten bestimmt. Lediglich, wenn sich Handwerker in der Anlage befinden, dann rechnet man damit, dass eine Alarmmeldung auf dem Monitor rechts erscheint. In Ampelfarben gekennzeichnet, so dass man gleich weiß, wenn etwas passiert. “Da rutscht einmal der Elektriker ab – mehr als ‘Gelb’ bekommen die aber nicht hin” - Veränderungen am Kraftwerk verursachen immer wieder kleinere Störungen, da man in der Leitwarte allerdings weiß wer gerade welche Änderung wo vornimmt, ist die Lokalisierung einfach. Im Kopf wird bereits ein Plan geschmiedet, wenn der Lötkolben hinrutscht, wo er nicht hin soll.

“Ist ein Gewitter angekündigt, dann stehen hier alle stramm.”

Schwüles Wetter führt sehr schnell zu lokalen Überentwicklungen, die sich mit Blitz und Donner entladen. Sobald die ersten Cumulonimbus Wolken am Himmel sind, befindet sich kein Handwerker mehr in der Anlage. Die Leitwarte ist voll besetzt und das Radio, das ansonsten 24/7 den Raum leicht beschallt, ausgeschaltet.

“Wir wissen nie was passiert”


leitstandKommt das Gewitter, so gibt es deutliche Spannungsspitzen, die sich wie auch in der freien Natur den Weg des geringsten Widerstands suchen. Manchmal ist es ein Schalter, manchmal ist es ein Sensor, manchmal aber auch irgend etwas anderes. Bei einem großen Kraftwerk mit vielen Blöcken ist die Summe der Teile, die betroffen sein könnten unüberschaubar.

Das Kraftwerk ist direkt an das Mittelspannungsnetz angeschlossen und liefert genügend Strom für mehrere Städte inklusive der Industrie. Eingespeist wird direkt vor der Haustür des Kraftwerkes.

“Diese Freileitungen sind unser Blitz-Einleiter”

Seit in Deutschland die Niederspannungsnetze in die Erde vergraben wurden, kommt im heimischen Umfeld kaum noch ein Blitz durch die Stromleitung. Antennen sind für die Gerätschaften im Haus eine viel stärkere Gefährdung.

Bei einem fossilen Kraftwerk gibt es keine Erdkabel. Die Freileitungen fangen in unmittelbarer Nähe zum Gebäude an. Riesige Blitzableiter, deren Energie dann auch in das Kraftwerk gelangt.


Blitzeinschlag in ein Kraftwerk | Bild: © francoisloubser

Einschläge in den Turm des Kraftwerkes sind harmlos, diese werden wie bei jedem Haus über die Blitzableiter geerdet. Viele Blitze schlagen hier ein, bereiten aber kaum Kopfzerbrechen.

“Professionelle Eile bedeutet Ruhe, denn nach dem Einschlag ist vor dem Einschlag”

Ein Blitz kommt selten allein. So wird berichtet, dass häufig erst ein kleiner Defekt irgendwo in der Anlage auftritt. Verpulvert man dann bereits alle Ressourcen, dann hat man nichts mehr zum Reagieren beim zweiten Einschlag eine Minute später.

Schnell entstehen Kettenreaktionen, selbst bei kleinen Fehlern. Fehlentscheidungen, weil die Störung nicht richtig lokalisiert wurde oder Ursache und Wirkung einer Entscheidung nicht für alle Beteiligten bekannt sind.

“Bei Gewitter stehen wir Kraftwerker zusammen”

Beobachtet man die Liste der “ungeplanten Nichtverfügbarkeiten” der EEX, dann kann man bei einem Gewitter sehen, wie schnell die Zahl der Ausfälle durch “Failure” ansteigen. Kommt es zu einer Störung in Bayern, dann springen auch Kraftwerke in Norddeutschland ein. Gesetzt der Fall, die Übertragungskapazitäten reichen dafür aus. Die Leitwarte wird in solchen Fällen direkt durch die Netzbetreiber informiert, dass schnell mehr Strom eingespeist werden soll.

Nicht ohne Stolz folgt zum Abschluss des Gespräches noch ein Seitenhieb auf blog.stromhaltig, der Beitrag zum Pfingstmontag sei noch vor dem Anruf des Netzbetreibers im Netz gestanden.

Gewitter sind eine Gefahr für den fossilen Kraftwerkspark, die durch hohe Einspeisemengen ihre Spuren hinterlassen. Die Kompetenz der Betriebsmannschaften ist gefordert, wenn plötzlich 1 GW droht im Netz zu fehlen. Zum Vergleich, dies entspricht dem plötzlichen Stillstand von 1000 Windkraftanlagen von einer Sekunde auf die nächste.





Autor: Thorsten Zoerner

blog.stromhaltig.de

Thorsten Zoerner betreibt den Blog stromhaltig.de. Einen Großteil seiner Fachartikel veröffentlichen wir regelmäßig auch hier auf unserer Seite. Thorsten Zoerner ist Gründungsmitglied der Energieblogger.



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