Leitartikel: Strom wird voraussichtlich teurer - Kapazitätsmarkt Strom soll im Oktober starten

17.04.14  10:00 | Artikel: 961421 | Proteus Fach-Artikel

Leitartikel: Strom wird voraussichtlich teurer - Kapazitätsmarkt Strom soll im Oktober starten
Kapazitätsmarkt Strom
soll im Oktober starten -
Kosten für Verbraucher
werden steigen
Seit Monaten wird über die Einführung eines sog. Kapazitätsmarktes für Strom diskutiert.

Nun haben Interessenvertreter von den großen Vier, den kommunalen Energieversorgern und Grünstrom-Anbietern voraussichtlich eine Lösung gefunden.

Kapazitäts- oder Infrastrukturumlage heißt das Kind voraussichtlich und wird den Strompreis für den Endverbraucher belasten.

Der Kapazitätsmarkt ist aus Sicht der größeren Energieversorger notwendig um die Energieversorgung in Deutschland zu sichern; tatsächlich ist es eher eine wirtschaftliche Notwendigkeit, die dahinter steht.

Durch den immer größer werdenden Anteil der erneuerbaren Energien in Deutschland werden immer mehr Kraftwerke unrentabel. Dies führt dazu, dass Kraftwerksbetreiber die unrentablen Kraftwerke abschalten und ggf. sogar stilllegen müssen.

These: Kapazitätsmarkt als Mittel gegen Blackouts

Dadurch erhöht sich unweigerlich der Anteil des Stroms aus erneuerbaren Energien in unseren Netzen. Hier nun befürchten die Energieversorger, dass die Versorgungssicherheit gefährdet ist. Blackouts - die gefürchteten großflächigen Stromausfälle - könnten die Folge sein, wenn plötzlich mehr Energie benötigt wird, als bereitgestellt werden kann. Ganz unbegründet ist das natürlich nicht, aber dazu später mehr.

Um dieses Szenario zu umgehen, stellen die Kraftwerksbetreiber in Personalunion mit den Energieversorgern ihre Kraftwerke als Bereitschaftskraftwerke zur Verfügung.

Soll heißen: Ist einmal zu wenig Strom im Netz, so können diese Kraftwerke (in der Mehrheit Gaskraftwerke | siehe: Agilität von Kraftwerken) innerhalb von Minuten Leistung zur Verfügung stellen.

Für diese Bereitstellung verlangt der Betreiber dann natürlich einen entsprechenden Obolus. Klingt im Prinzip recht konservativ und stellt Sicherheit dar. Allerdings gibt es zwei Aspekte, die genannt werden müssen:

1. Der Betreiber selbst beziffert die Kosten für die Bereitstellung seines Kraftwerkes inkl. einer (selbst) gewünschten Rendite im zweistelligen Prozentbereich. Damit lässt sich der Kraftwerksbetreiber die Stilllegung nicht nur gegenfinanzieren; er schlägt aus der Abschaltung sogar noch Profit, denn

2. es ist noch nicht mal im Ansatz seriös geklärt, wie viel Kapazität denn wirklich notwendig ist für diesen Kapazitätsmarkt. Zwar jongliert bisweilen die Bundesnetzagentur (BNetzA) mit diversen Zahlen, aber voraussichtlich werden die großen Energieversorger bestrebt sein, diese Werte kräftig nach oben zu ziehen. Man darf auf entsprechende (getürkte) Gutachten warten.


Infrastrukturumlage: Überkapazitäten vergolden lassen

Das bedeutet dann Geld verdienen mit nichts tun. Unrentable Überkapazitäten werden zukünftig fürs Rumstehen bezahlt.

Die Kosten, die durch die Bereitstellung anfallen, sollen durch eine weitere Umlage eingespielt werden, die auf den Endkundenstrompreis aufgeschlagen wird. Die Rechnung dahinter ist komplex. Insider sehen die Höhe der Umlage im Bereich von 0,67 bis 1,5 Cent pro Kilowattstunde.

Kapazitätsmarkt: Notwendig oder Nonsens?

Die Frage, ob ein Kapazitätsmarkt überhaupt benötigt wird ist final nicht geklärt. Rein theoretisch und rechnerisch geht es auch ohne.

Seit Jahren gibt es eine gesetzliche Vorgabe, dass es zeitabhängige Stromtarife für den Endkunden geben sollte. Die Umsetzung verweigern die Stromversorger jedoch. Zum einen wird dies mit der nicht vorhandenen Hardware (intelligente Stromzähler) begründet und zum anderen mit dem erheblichen administrativen Aufwand. Vermutlich werden sich aber eher die Gewinne der Versorger reduzieren und deshalb wird hier verweigert.

Dabei würde sich der Endkunde im Laufe der Zeit durchaus an solche variablen Tarife in Abhängigkeit von Tageszeit oder Angebot gewöhnen - und diese auch nutzen. Ist diese Art von Strompreis doch die notwendige Vorraussetzung für das sog. Smart Home.

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Die andere Begründung liegt in der Natur des Menschen und dem Streben nach Gewinn. Es sind ja nicht nur die Energiekonzerne, die Ihren Gewinn möglichst maximieren wollen. Auch die Anbieter von großen EE-Anlagen (Investitionsanlagen, Rendite orientiert) wollen nur eines: so viel wie möglich ins Netz einspeisen.

Als Folge steigt die Volatilität der Erneuerbaren sprunghaft an. Und genau das macht unserem Netz Probleme.

Alternativen sind denkbar

Würden Anlagen nicht immer die volle - mögliche - Kapazität einspeisen, so könnten die Schwankungen drastisch reduziert werden. Das betrifft vor allem Windenergie- und Solaranlagen. Das bedeutet jetzt natürlich nicht, dass ich gegen "Flatterstrom" bin, wie mein volksverhetzender Kollege Daniel Wetzel, denn die großen Kohlekraftwerke sind ja auch bestrebt mit möglichst viel Leistung gefahren zu werden.

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Würde es allerdings entsprechende Absprachen zwischen den konventionellen und den erneuerbaren Energieversorgern geben, so müsste zwar jeder eine Gewinnreduzierung hinnehmen, aber die Versorgungssicherheit wäre wohl gesichert. Bisher nicht im Kapazitätsmarkt berücksichtigt sind Speicher. Denn auch der umgekehrte Fall - zu viel Strom im Netz - kann ja eintreten, der dann möglichst kompensiert werden sollte. Hier ist bislang immer nur die Abschaltung vorgesehen. Nur im Einzelfall werden Speicherlösungen für Netzdienstleistungen eingesetzt.

Der Punkt ist aber wohl: Solange der Stromkunde diese Nebenkosten stillschweigend zahlt, wird er solche Bestrebungen nicht geben. Und so freuen wir uns auf die neue Infrastrukturumlage, die unsere Stromrechnung wieder erhöht. Schuld sind diesmal jedoch nicht die Erneuerbaren Energien, obwohl das so in den Medien dargestellt werden wird.




Autor: Björn-Lars Kuhn

Journalist bdfjBjörn-Lars Kuhn ist einer der Inhaber der Proteus Solutions GbR, Buchautor, Datenschutzbeauftragter (IHK), Fachjournalist (bdfj) in den Bereichen Datenschutz, Netzpolitik und Erneuerbare Energien und Redakteur dieser Nachrichtenseite.



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