Strompreise & Subventionen - Rettet die Energieversorger und die deutsche Industrie

04.04.14  10:00 | Artikel: 961359 | Proteus Statement

Strompreise & Subventionen - Rettet die Energieversorger und die deutsche IndustrieUnsere großen vier Energieversorger - Vattenfall, RWE, E.ON und EnBw - werden langsam aber sicher zu einer bedrohten Art. Uneinsichtig wie pubertierende Kinder wollen sie der Wahrheit nicht ins Auge sehen: In den letzten Jahren schlichtweg versagt und die Zeichen der Zeit nicht erkannt zu haben. Hier muss diesen Traditionskonzernen geholfen werden. Fragt sich, ob Sterbehilfe oder staatliche Subventionen; desgleichen gilt für die deutsche Großindustrie.

Analogie: die Sterbephasen nach Kübler-Ross

In der Medizin gibt es den Begriff der sog. Sterbephasen, den die Schweizer Psychiaterin und Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross 1969 durch die Veröffentlichung ihres Buches On Death and Dying geprägt hat.

Kübler-Ross beschreibt fünf Phasen der seelischen Entwicklung schwerkranker Patienten:


Die Phasen müssen nicht immer konsequent und einmalig hintereinander folgen sondern es kann dabei auch "Rückfälle" geben. Schaut man sich die mediale Berichterstattung der letzten 10 Jahre an, so ist eine gewisse Analogie unverkennbar.

Lediglich die fünfte Phase - die Zustimmung - scheinen unsere Energieversorger noch nicht erreicht zu haben.

Auf Talfahrt: die Aktien der Energieversorger


Kursverlauf RWE (5 Jahre)

Kursverlauf E.ON (5 Jahre)

Kursverlauf EnBw (5 Jahre)


Alle Charts mit freundlicher Genehmigung von finanzen.net
Da Vattenfall kein börsennotiertes Unternehmen ist, ist kein Chart verfügbar.

Dabei sollte jedoch auch dem einfachen Hauptschüler klar werden, was die Kurven der Börsenkurse der letzten Jahre wohl bedeuten: Ja, es geht zunehmend bergab. Die fetten Jahre sind definitiv vorbei. Letztendlich hat aber niemand aus der Unternehmensführung den Einstieg in die Erneuerbaren in Erwägung gezogen. Man hätte durchaus erwarten können dass für Millionengehälter auch ein gewisses Maß an Weitsicht mitgebracht werden muss.

Jetzt versuchen die Energieversorger mit hohem Einsatz das Ruder noch herumzureißen:
  • Manipulation der Medien durch Marketing, PR, "wissenschaftliche Studien" und Lobbyorganisationen
  • Gezielte Desinformation und Aufbau von Angstszenarien (Blackouts, Strompreis)
  • drohende Deindustrialisierung am Wirtschaftsstandort Deutschland und damit internationale Nachteile
  • Drohungen gegen die Politik, Mitarbeiter zu entlassen
  • "Kaufen" von politischen Amtsträgern zur Meinungsverstärkung

(Hintergrundinfos dazu:
Tina Ternus: Bremser der Bürgerenergiewende und Energieblogger: Transparenz )

Zugegeben, letzteres kann definitiv - leider - nicht bewiesen werden, aber es ist bei vielen Politikern schon auffällig, dass sich die Meinung in den letzten Jahren plötzlich gegen die erneuerbaren Energien gewandelt hat.

Was dem einen sin Uhl, ist dem andern sin Nachtigall.

Die Aktionen der großen Vier gleichen einem Mehrfrontenkrieg und damit die Aktionäre nicht ganz vergrätzt nach Würstchen und Kartoffelsalat nach der Jahresversammlung abziehen, werden letztendlich viele Stromversorger zum Ausgleich einfach mal die Strompreise erhöhen.

Das passt nicht jedem und viele Industrieverbände und große Unternehmen sind politisch gegen die angeblich hohen Strompreise aktiv, so z.b. die energieintensiven Unternehmen. Auch hier wird die bewährte Partitur der Energieversorger nachgespielt.

Der Gipfel der Frechheit ist dabei, dass im Bereich der Energiewende immer von horrenden Subventionen geredet wird, die Bürger und Industrie zu tragen hätten. Belegbare Zahlen aus dem aktuellen Bundeshaushalt oder dem aktuellen Subventionsbericht der Bundesregierung will allerdings niemand hören.

Fakten: von der Bundesregierung veröffentlicht

So werden allein 597.638.000 € für den Bereich Maßnahmen der Reaktorsicherheit und des Strahlenschutzes pro Jahr ausgegeben, obwohl die Bundesregierung ja gar keine Atomkraftwerke betreibt und damit nur den Betreibern finanziell entgegen kommt. (Quelle)


Im Jahr 2007 wurde beschlossen die subventionierte Förderung der Steinkohle in Deutschland zum Ende des Jahres 2018 sozialverträglich zu beenden. Für den deutschen Kohlenbergbau wurden 2013 insgesamt 1.326.124.000 € ausgegeben; über die Laufzeit von 2009 bis 2018 kommt auch da ganz schön was zusammen. (Quelle)

Die Industrie wird bei den Subventionen indirekt - durch Steuervergünstigungen - gefördert. So finden sich im aktuellen Subventionsbericht folgende Positionen
(keine vollständige Liste):

Kurzbezeichnung der SteuervergünstigungMindereinnahmen
im Jahr 2014
§ 10 StromStG
Begünstigung für Unternehmen, die durch die Steuer erheblich belastet sind (Spitzenausgleich)
2.000.000.000 €
§§ 37, 53 EnergieStG
Energiesteuerbegünstigung für die Stromerzeugung
1.800.000.000 €
§ 9b StromStG
Begünstigung von Unternehmen für die Entnahme von Strom über 50 MWh für betriebliche Zwecke
1.000.000.000 €
§ 9a StromStG
Begünstigung für bestimmte Prozesse und Verfahren
720.000.000 €
§§ 37,51 EnergieStG
Energiesteuerbegünstigung für bestimmte Prozesse und Verfahren
615.000.000 €

Summe:

6.135.000.000 €


Über die Besondere Ausgleichsregelung (BesAR §41 EEG) werden dann privilegierte Unternehmen nochmals mit 4.100.000.000 € (Quelle) entlastet.

Zählt man diese Zahlen alle zusammen, so könnte zwar die eine oder andere Branche, die künstlich am Leben erhalten wird (Palliativmedizin, um bei den medizinischen Vergleichen zu bleiben) aus Deutschland verschwinden, aber der Strompreis könnte wesentlich günstiger sein.

Tal der Tränen: Jammern auf breiter Front

Trotz dieser Faktenlage jammern sowohl die großen Stromversorger, als auch die deutsche Großindustrie. Doch zumindest für die großen Vier scheint das Ende mittelfristig absehbar zu sein. Das aktuelle Geschäftsmodell lässt sich in jedem Falle nicht mehr auf Dauer durchsetzen, dafür sorgen schon die Bürger mit der weiteren Installation von erneuerbaren Erzeugungsanlagen.

Vielleicht sollten die Bundesbürger freiwillig 20 Cent pro Kilowattstunde mehr für ihren Strom zahlen, damit der Standort Deutschland noch eine Chance hat? Die Energieversorger können damit endlich wieder Gewinne machen und die Großindustrie bekommt den Strom geschenkt.

Doch ich vermute, dass sich eher wieder die Konzernchefs für das gute Ergebnis feiern lassen (und Boni abkassieren) und die Industrie trotzdem die Preise für ihre Waren erhöht. Niemand würde daraus wohl eine Lehre ziehen, vor allem nicht unsere Volksvertreter.

Hinweis:
Die hier genannten Zahlen sind nur Beispiele aus diversen Publikationen und erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit.


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Autor: Björn-Lars Kuhn

Journalist bdfjBjörn-Lars Kuhn ist einer der Inhaber der Proteus Solutions GbR, Buchautor, Datenschutzbeauftragter (IHK), Fachjournalist (bdfj) in den Bereichen Datenschutz, Netzpolitik und Erneuerbare Energien und Redakteur dieser Nachrichtenseite.



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