Roland Tichy, Chefredakteur der Wirtschaftswoche mit Rechenschwäche?

05.02.14  10:20 | Artikel: 961195 | Proteus Statement

Roland Tichy, Chefredakteur der Wirtschaftswoche mit Rechenschwäche?
«Nein Roland! 17+9 ist nicht 1000!»
3Der Chefredakteur der Wirtschaftswoche Roland Tichy betreibt einen eigenen Blog, in dem er auch zu energiepolitischen Themen Stellung nimmt. Aktuell schreibt er in seinem Beitrag Strom als Müll über die Mehrbelastung der Bürger, Urlaubsbudgets und Ferneseherkäufe.

Vermutlich hat er in der 6. Klasse nicht richtig aufgepasst, sonst hätten seine Zahlenbeispiele eine Grundlage.
Bildung ist halt nicht jedermanns Sache.

Von einem Chefredakteur, hauptsächlich von einem, der für eine Wirtschaftszeitung arbeitet, sollte man meinen, dass die Grundrechenarten keine Probleme bereiten. Doch auch hier muss man sich wohl von diesem Glauben verabschieden.

Tichy schreibt in seinem Blogeintrag:

«Grüner Teuer-Strom verdrängt so den billigen aus Kohle- und Gaskraftwerken. Die Kosten tragen die Konsumenten. Ein Vier-Personen-Haushalt zahlt dafür etwa 1000 Euro mehr im Jahr. Das bedeutet ein niedrigeres Urlaubsbudget, den Verzicht auf einen neuen Farbfernseher – oder weniger Erspartes.»

1000 Euro mehr im Jahr? Der angesprochene deutsche 4-Personen-Haushalt (nicht der deutsche Durchschnittshaushalt, der liegt bei 3.359 kWh!) verbraucht im Durchschnitt etwa 5.000 kWh pro Jahr. Bei einem Arbeitspreis von teuren 28 Cent pro Kilowattstunde ergibt das einen Jahresrechnungsbetrag von rund 1.400 EUR.
Der Anteil der EEG-Umlage beträgt (bei 6,240 ct/kWh) etwa 312 €.

Gegenrechnung: Damit ein Haushalt tatsächlich eine Belastung bzw. eine EEG-Umlage in Höhe von 1.000 EUR zahlt, müsste dieser 16.000 kWh pro Jahr an Strom abnehmen (16.025 kWh * 0,0624 €/kWh = 999,96 €), was aber auch einer Jahresrechnung von knapp 4.500 € entspräche (16.025 kWh * 0,28 €/kWh = 4.487 €); DAS würde unter Umständen tatsächlich den Verzicht auf einen neuen Farbfernseher bedeuten.

Allerdings sind Durchschnittshaushalte mit 14 Megawatstunden Jahresverbrauch eher völliger Nonsens. Ob Tichy bei seiner Berechnung oder bei der Argumentation einfach geschlampt hat, es tatsächlich nicht kann oder er die Leser für blöd hält, kann ich natürlich nicht beurteilen.

Teurer Strom kostet Geld, Erspartes oder Konsumverzicht – irgendwer muss die höheren Kosten ja tragen. Man kann sie hin und her verteilen, aber sie verschwinden nie.
schreibt Tichy weiter.

Richtig! Genauso, wie teurer Sprit Geld kostet. Andererseits kosten aber auch billige Produkte Geld. Was der Chefredakteur aus den Ausgen verliert ist, dass die Bevölkerung noch recht geschlossen hinter der Energiewende steht. Seine Argumentation ist wohl hauptsächlich auf die Sichtweise der großen Konzerne ausgerichtet. Hier zählt Shareholder Value weit mehr als Arbeitsplätze.

Auch der Zustand der Umwelt verschlechtert sich: Die Vermaisung zerstört die Ökologie, Windräder die Kulturlandschaft; der CO2-Ausstoß steigt – ungeheure Schäden entstehen, die als „externe Kosten“ heute nicht wahrgenommen werden, aber künftige Generationen belasten.

Hier driftet Tichy dann in Polemik und reines Gelaber ab. Sind Kohlekraftwerke Kunstobjekte der deutschen Kulturlandschaft? Steigt der CO2-Ausstoß wegen der Erneuerbaren oder wegen der Braunkohle? Haben uns Castor & Co. nicht ebenso "externe Kosten" in Milliardenhöhe bescherrt? Ist das Journalismus?

Bei Tichys Rechnung bzw. schnöder Behauptung fehlt es an Mathematik und journalistischer Sorgfaltspflicht, sonst wären nicht Zahlen in seine Behauptungen eingeflossen, die haltlos und unbegründet sind. Der Rest des Blogbeitrages ist zwar in Ansätzen richtig, aber es fehlen Belege oder zumindest nachvollziehbare Argumentationen. Das macht den Blogartikel zu einem reinen Lobbybeitrag, der noch nicht mal sauber recherchiert ist. Ein Wirtschafts-(Chef)-Redakteur sollte das eigentlich wissen.

Energieblogger und Kollege Andreas Kühl (energynet.de) hat das Thema auch aufgegriffen und zeigt in seinem Beitrag Ich zahle nicht einmal 1.000 Euro für Strom auf, warum es vermutlich zu diesen Argumentationsausfällen kommen konnte.





Autor: Björn-Lars Kuhn

Journalist bdfjBjörn-Lars Kuhn ist einer der Inhaber der Proteus Solutions GbR, Buchautor, Datenschutzbeauftragter (IHK), Fachjournalist (bdfj) in den Bereichen Datenschutz, Netzpolitik und Erneuerbare Energien und Redakteur dieser Nachrichtenseite.



Themenbereiche:

erneuerbare Energien | Energiepolitik

Schlagworte:

Roland Tichy (2) | Wirtschaftswoche (2) | Rechenschwäche | Stromkosten (20) | Polemik (5)