Franz Alt: Kohle statt Atom - das neue Feindbild

09.12.13  08:00 | Artikel: 956202 | News-Artikel (Red)

Franz Alt: Kohle statt Atom - das neue Feindbild
Franz Alt
Bild: sonnenseite.com
Bei dieser geplanten Großen Koalition herrscht Gegenwartsversessenheit und Zukunftsvergessenheit. Gesponsert werden überwiegend Ältere, vergessen eher die Jüngeren. Mütter bekommen zusätzliche Rente. Aber für die Bildung ihrer Kinder fehlt das Geld. Noch deutlicher wird die Zukunftsblindheit bei der Energiepolitik: Die Energiewende wird ausgebremst, aber Braunkohle, Steinkohle und Gas sind «auf absehbare Zeit unverzichtbar» heißt es im Koalitionsvertrag. Die 75% Ökostrom bis zum Jahr 2030, welche zu Beginn der Verhandlungen die SPD noch forderte, tauchen im Vertrag gar nicht mehr auf. Energiewende war früher. Jetzt ist sie zur Politik-Lyrik verkommen.

Dieser Koalitionsvertrag beinhaltet keine Energiewende mehr, die einst unter schwarz-gelb als Jahrhundertprojekt gefeiert wurde, sondern allenfalls ein Energiewende-Torso. Der Ausstieg aus der Atomkraft bis 2022 bleibt zwar wie beschlossen, aber die Kohle erfährt eine unerwartete Renaissance – vor allem dank der SPD.

„Kohle“ statt „Atom“ könnte deshalb das neue Feindbild einer neuen Umwelt- und Energiewende-Bewegung heißen. Am vorletzten Wochenende demonstrierten bereits 16.000 Umwelt- und Energiewendebewegte in Berlin gegen die geplante Energiepolitik der Großen Koalition. Danach soll der Ausbau der Erneuerbaren gedrosselt und die Energieeffizienz vernachlässigt werden. Die Protestbewegung gegen diese Politik erfindet sich bereits neu, umzingelt schon mal das Kanzleramt und zeigt weniger Anti-Atom-Plakate als früher, aber mehr Anti-Kohle-Sprüche wie „Kohle ist das Problem von morgen“ oder „Kohle ist die Energie von gestern“. Die Demonstranten rufen: „Keine Kohle, kein Atom – sondern nur noch Ökostrom“.

Wo früher auf den Demonstrations-Bühnen jahrzehntelang die legendäre Anti-Atom-Sonne strahlte, steht jetzt: „Energiewende retten“. Und das geht natürlich nicht mit dem Klimakiller Nr. 1 Braunkohle. Über 90% der Deutschen sind bei Umfragen für die Energiewende.

Trotz Großer Koalition: Bürgerinnen und Bürger werden die Energiewende selbst in die Hand nehmen. Der Anteil des Ökostroms wird weiter steigen, während die alten Energieversorger ums nackte Überleben kämpfen.

Die Droschken-Besitzer konnten im 19. Jahrhundert auch nicht den Ausbau der Autobahnen und im 20. Jahrhundert nicht den Siegeszug des Autos aufhalten. Ebenso wenig werden die großen vier Energieoligopole die Energiewende stoppen können.

Die Frage ist nur: Welche Partei versteht diese Zukunftsperspektive am ehesten und wird Zukunft gestalten? Analog zur Computer- und IT-Technologie werden in den nächsten Jahren die Technologien der Erneuerbaren und deren Speichertechnologien voranschreiten. Wenn wir gut sind, werden Deutschland und Europa in 20 bis 30 Jahren zu 100 Prozent erneuerbar. Und der Rest wird folgen, weil technologisch niemand zurückfallen möchte. Welch eine Chance! Aber nichts für Bedenkenträger.

Öl, Kohle, Gas und Uran gehen rasch zu Ende, aber die Sonne scheint ewig, der Wind weht immer und Biomasse wächst zuverlässig nach. Deshalb wird eine intelligent gestaltete Energiewende das große Gewinnerthema von morgen.

Schon die nächste Generation wird vom Klimawandel stark betroffen sein. Aber sie hat in dieser Großen Koalition nur eine schwache Lobby.




(Autor: Franz Alt)


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