Kapazitätsmarkt - Strom in Balance zwischen Versorgungssicherheit und Erneuerbaren

13.08.13  10:40 | Artikel: 955832 | News-Artikel (Red)

Kapazitätsmarkt - Strom in Balance zwischen Versorgungssicherheit und Erneuerbaren
Sylvensteinspeicher (BY)
Gerade an einem Stausee lässt sich das Verfahren eines Kapazitätsmarktes sehr einfach erklären. Klassisch hat man im Stromnetz ein Energy-Only-Market. D.h. der Betreiber einer Anlage bekommt Geld in Abhängigkeit zur Menge Strom, die er verkauft / erzeugt.

Beim Stausee entspricht dies der Menge, die von den Generatoren erzeugt wird. Bei einem Kapazitätsmarkt bekommt man für das Bereitstellen/Vorhalten einer Erzeugung bereits Geld. Dies entspricht der Stauhöhe des See – unabhängig davon, ob gerade Wasser durch die Generatoren abgelassen wird – und Strom erzeugt wird – oder nicht.

Gelöst werden soll damit die Herausforderung, dass mit der reinen Bereithaltung von Kapazitäten kein Geld verdient werden kann, wenn diese nicht abgerufen werden. Notwendig sind sie aber, um eine Versorgungssicherheit zu gewährleisten.

Es ist kein Zufall, dass Atomkraftwerke in der Nähe von Flüssen gebaut werden. Das Gewässer sorgt für die notwendige Kühlung, die beim Betrieb dieser Anlagen benötigt wird. Bei extremen Wetterlagen kann allerdings der Wasserstand zu nieder werden. Reicht die Kühlung nicht aus, so muss die Leistung reduziert werden. In Deutschland hatte man bislang immer Glück, denn das Niedrigwasser war meist in den Sommermonaten, bei denen weniger Leistung benötigt wurde. Nicht so in den USA. Dort ist die Verbreitung von Klimageräten wesentlich höher als in Deutschland. Auch fehlen PV-Anlagen, die zu dieser Zeit ausreichend die steigende Last abfangen könnten. In der Folge kommt es gerade an der Ostküste im Sommer häufig zu kritischen Situationen, bei denen Kohlekraftwerke die Leistung der Atommeiler schultern müssen. Ein Umstand, warum Kapazitätsmärkte in den USA nicht mehr nur reine Theorie sind, sondern auch als Instrument der Marktintegration von Erneuerbaren Energieträgern angesehen werden.

Ein grundlegender Ausbau von Kapazitätsmärkten fördert zunächst den Ausbau von thermischen Kraftwerken. Diese sind in der Lage die notwendigen Kapazitäten über einen längeren Zeitpunkt zu garantieren. Durch den “Markt” entfällt das Missing-Money-Problem und die Investitionen in solche Anlagen können abgesichert werden.

Sind Kapazitäten abgesichert, so ist auch die Versorgung abgesichert. Kraftwerksbetreiber müssen nicht mehr zwanghaft auf ihre Volllaststunden schauen und parallel der Strom aus Wind und Sonne vorrangig zum Verbraucher fließen.

Synthetisches Marktdesign funktioniert selten
Das mit einem Kapazitätsmarkt die Versorgungssicherheit erhöht werden kann, ist außer Frage. Historisch kann man allerdings eine Beispiele finden, dass ein bestimmtes synthetisches Marktdesign in der Praxis nicht langfristig funktioniert. Als ich noch als Produktmanager beruflich tätig war, musste ich bei vielen Produkten feststellen, dass der Kunde anders mit den Produkten umgegangen ist, als es vorher geplant wurde. Bei ganzen Märkten ist dies noch schwieriger, da sich die Akteure untereinander bedingen.

Als mit dem GSM Standard die ersten Mobilfunknetze für die Masse kamen, wurde ein Fokus auf die Sprachverbindung (Telefonie) gesetzt. Am Markt setzte sich allerdings auch das eigentlich als Abfallprodukt konzipierte Versenden von Kurznachrichten durch, welches einen großen Teil der Kommunikationsverbindungen eingenommen hat.

Die aktuelle Bundesregierung wirft gerne der EEG-Umlage vor, dass es sich ebenfalls um ein synthetisches Designelement handelt, welches mittlerweile in die Jahre gekommen ist.

Warum die Versorgung auch ohne Kapazitätsmärkte sicher ist
Strom wird sehr langfristig gehandelt. Dafür gibt es einen Erzeuger (Verkäufer), der eine bestimmte gesicherte Menge auf den Markt bringt – und einen Käufer (Stromanbieter), der seine Kunden mit ihrem Verbrauch eindeckt. Es kommt ein Vertrag zustande. Wie der Verkäufer seine Leistung erbringt, kann dem Käufer zunächst egal sein.

Als großer Energieversorger/erzeuger würde ich der Diskussion um Kapazitätsmärkte sehr tiefen entspannt entgegen schauen. Sind, wie am Beispiel von E.ON, die eigenen Kapazitäten bereits bis ins Jahre 2015 hinein verkauft, dann bringt mir ein Kapazitätsmarkt zunächst keinen direkten Vorteil. Lediglich meine neuen Anlage sind kompatibel zum Marktdesign. Bei einem Energy-Only-Markt wie wir ihn aktuell haben, habe ich die Möglichkeiten mich günstiger einzudecken, als mein ohnehin bereits verkaufte Strommenge/Kapazität.




Autor: Thorsten Zoerner

blog.stromhaltig.de

Thorsten Zoerner betreibt den Blog stromhaltig.de. Einen Großteil seiner Fachartikel veröffentlichen wir regelmäßig auch hier auf unserer Seite. Thorsten Zoerner ist Gründungsmitglied der Energieblogger.



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