History Repeating: Warum der Zugang der EE-Branche zu Fremdkapital immer schwerer wird

02.04.13  09:30 | Artikel: 955349 | News-Artikel (Red)

History Repeating: Warum der Zugang der EE-Branche zu Fremdkapital immer schwerer wird Als im Jahr 2001 der Enron-Konzern zusammenbrach und in die Insolvenz ging, rieb man sich weltweit die Augen. Wie konnte das geschehen? Wie konnte das Unternehmen, das sich lange Jahre als der Primus der weltweiten Energiewirtschaft gerierte, plötzlich pleite gehen? Schließlich hatten sich alle großen Ratingagenturen über Jahre darin übertroffen, die besten Noten auf Enrons Bonität zu vergeben.

Als Folge des Zusammenbruchs verloren alleine die aktiven und ehemaligen Mitarbeiter die durch sie angesparten 2 Mrd. $ der privaten betrieblichen Altersvorsorge. Die Summe der uneinbringlichen Forderungen aller Gläubiger beliefen sich indes auf ein Vielfaches. Nicht nur Lieferanten und Vertragspartner, vor allem auch kreditgebende Banken mussten Milliarden abschreiben.

Keine sechs Jahre später ging der allseits bewunderte Primus der Investmentbranche, Lehman Brothers, innerhalb kürzester Zeit in die Insolvenz – der Auslöser für ein menschengemachtes Erdbeben, das die Finanz- und Privatwirtschaft um Kredite und Erspartes brachte und weder Banken noch Kleinanleger auf der ganzen Welt verschonte. In der Folge rissen die über Jahre ebenfalls mit Bestnoten der Ratingagenturen versehenen “ABS-Papiere” weitere Banken und Anleger mit in den Abgrund und vernichteten Billionen von Dollars, die in den Jahren zuvor durch das Verpacken und Weiterverkaufen mieser Risiken überhaupt erst entstanden waren.

Immer ganz vorne mit dabei: die Banken in aller Welt. Alle hatten sie sich mit den AAA-Papieren von Lehman und anderen Häusern eingedeckt, waren dem scheinbar risikolosen Profit hinterhergejagt und hatten prächtig damit verdient, bis sie schließlich weit mehr als den Profit der vergangenen Jahre innerhalb von Minuten verloren und nicht selten selbst untergingen.

Sahen die Akteure dieses kostspieligen Schauspiels die Katastrophe nicht kommen?

Nein. Natürlich nicht. Sonst wäre die Katastrophe nie passiert.

Frank Schirrmacher schreibt in seinem eben erschienenen und wichtigen Buch “EGO. Das Spiel des Lebens” zur Finanzkrise von 2007/08: “Alles, buchstäblich alles, was die Krise auslöste, die mit der Lehman-Pleite begann und in die Euro-Krise mündete, war als Risikovermeidungsstrategie konzipiert. Alles basierte auf der Überzeugung, dass der große Automat der Finanzmärkte mit den besten mathematischen Modellen von Mensch und Märkten gefüttert worden sei, um jede Kernschmelze, jede Massenvernichtung und alle Monster auszuschließen.” Auch die Ratingsysteme, die die Banken heute verwenden, sind darauf ausgelegt, möglichst alle Risiken zu vermeiden, die zu einem Verlust des eingesetzten Kapitals führen könnten. Sie beinhalten die Pleiten der Solarmodulhersteller der vergangenen ein bis zwei Jahre, die bei den Banken zu Abschreibungen in Millionenhöhe führten. Die Portfoliomanager bekommen vom System ihre Ampel auf “Rot” gestellt, weil der Algorithmus eine Gefahr in der künftigen Finanzierung der EE-Branche “sieht”. Dies paart sich mit den aktuellen dummen Diskussionen um eine “Strompreisexplosion”, die den Eindruck verschärft, die EE-Unternehmen würden nicht einmal mehr die nächste Bundestagswahl erleben. Dieser Reflex, auf jede Pressemeldung sofort zu reagieren, hat bei den Banken Tradition. Die in ihren Investmentabteilungen installierten Computer analyiseren jede Sekunde millionenfach Informationen und Kursbewegungen von Aktien, Anleihen und Derivaten und reagieren mit Kauf- oder Verkaufaufträgen. So passierte es auch im Mai 2010 mit der Aktie des amerikanischen Konsumgüterriesen Procter & Gamble: Innerhalb weniger Sekunden verlor diese Aktie fast 40% ihres Wertes, ausgelöst durch massive Verkaufsorders von Hochfrequenzcomputern. Einen realen Grund für diese Überreaktion gab es nicht – sie konnte nur mit einer fehlerhaften Programmierung erklärt werden.

So agieren Banken heute noch immer. Zum einen versuchen sie verzweifelt, mit ihren Ratingsystemen auf Basis der Vergangenheitsdaten die Trends und Risiken der Zukunft vorauszusagen. Und auf der anderen Seite verschärfen sie diese Effekte durch hektisches, fast erratisches Handeln auf Basis kurzlebiger und selten zutreffender Informationen – ähnlich wie die Programme für den Hochfrequenzhandel. Keiner nimmt sich mehr die Zeit, sich zurückzulehnen und den gesunden Menschenverstand einzuschalten. Keiner macht sich mehr die Mühe, sich eingehend mit den Akteuren der EE-Branche, den Firmenlenkern, deren Visionen und Ideen zu beschäftigen. Alles ist reduziert auf Formeln und Gleichungen, auf Daten und Zahlen. Nicht der Mensch entscheidet mehr, sondern das Programm, der Algorithmus. Und was weiß der schon von den Potenzialen der Energiewende.

Aber eines ist gewiss: Banken werden trotz der ganzen Mathematik weiter Verluste erleiden. Die Energiewende können die Programme jedoch nicht verhindern.




Autor: Sascha Röber

www.sascha-roeber.com

Sascha Röber war nach einer über 20-jährigen Karriere als Banker gut fünfeinhalb Jahre Bereichsleiter Corporate Finance beim Solar- und Windparkprojektierer juwi AG in Wörrstadt. Regelmäßig bloggt und tweetet er zu den Themen Energiewende und Elektromobilität und betreibt die Tesla-Vermitplattform teslanauten.com. Privat fährt er einen Tesla Roadster. Sascha Röber wohnt zur Zeit in Frankfurt am Main.



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