Der Eine-Billion-Bierdeckel des Peter Altmaier

24.02.13  11:00 | Artikel: 955199 | News-Artikel (Red)

Der Eine-Billion-Bierdeckel des Peter Altmaier
Sascha Röber,
Autor und Betreiber von
erneuerbar.wordpress.com
Eine äußerst spannende Woche geht zu Ende. Was ist nicht alles passiert…

Da orakelte beispielsweise Günther Oettinger, es werde noch Zeiten geben, da werde ein künftiger deutscher Kanzler noch auf Knien nach Ankara robben, um die Türkei zu bitten, in die EU zu kommen.

Nun ja, dass es sich dabei um Angela Merkel handeln könnte, ist eher unwahrscheinlich, denn die ist ja, wie wir nun von Jürgen Trittin wissen, eine “Last-Minute-Kanzlerin”, und da kann es schon mal passieren, dass die zu spät kommt. Das kann nützlich sein, denn dann ist man vielleicht im entscheidenden Moment weit von Peer Steinbrück entfernt, den Rainer Brüderle als “diplomatische Neutronenbombe” entlarvte und für diese Erkenntnis offenbar noch nicht einmal auf den zwischenzeitlich wieder eingestellten Peerblog zurückgreifen musste.

Ach ja, und mittlerweile wurden auch Sägespäne in der Lasagne gefunden, die stammten wohl vom Schaukelpferd.

Alles Kinderkram. Denn seit dieser Woche haben wir endlich die Antwort auf die Frage, die das gesamte Land am meisten bewegt. Endlich wissen wir, wie viel uns Deutsche die Energiewende kosten wird: Eine Billion Euro!

Ja. Das ist eine eins mit – oh, muss mal nachsehen – zwölf Nullen. 1.000.000.000.000. Oder tausend Milliarden. Ganz schön viel, so eine Billion. Aber woher weiß der Altmaier das eigentlich? Gute Frage. Genau das wollten die Journalisten der ZEIT auch wissen und fragten in seinem Ministerium nach. Doch auch seine Fachleute zuckten mit den Schultern. Aber nicht nur die:

Auch die Frau, die in Deutschland wahrscheinlich am besten weiß, welche Umstände in eine solche Berechnung einfließen müssten – Claudia Kemfert -, nannte die Zahl “nicht nachvollziehbar”. Den Stuttgarter Nachrichten sagte sie: “Es ist verantwortungslos, solche Milliardensummen zu nennen, ohne zu erklären, ohne schlüssige Berechnungen vorzulegen und auf die positiven Effekte der Energiewende hinzuweisen.”

Wieso das denn? Nicht nachvollziehbar? Na, aber…! Beim FAZ-Interview hatte er dazu extra seinen Bierdeckel hervorgezogen, auf dem er am Abend vorher zusammen mit Philipp Rösler in seiner Berliner Butze über einem vollmundigen Roten und selbstgemachten Klößen mit Leberwurstfüllung die Rechnung penibel verzeichnet hatte. Ganz nach Friedrich Merz’ Vorbild mit der Steuererklärung.

Altmaiers Bierdeckel
Energiewende: Altmaiers Bierdeckel zur Berechnung der Strompreisbremse

Also.

Da wären mal die 680 Mrd. € für die Einspeisevergütungen, die bis 2022 bereits gemacht seien. Bei gleichbleibendem Strompreis von 4,5 Cent/kWh. Hinzu kämen noch “die Kosten für den Netzausbau, für die Sicherstellung der Reservekapazitäten, für Forschung und Entwicklung, bis hin zur Elektromobilität und energetischen Gebäudesanierung”.

Bei gleichbleibendem Strompreis? Altmaier hatte vorsorglich noch hinzugefügt: “Würde der Börsenstrompreis weiter sinken, würde es noch teurer” und zielte damit auf den Wälzmechanismus des EEGs ab, der die EEG-Umlage steigen lässt, wenn bei gegebenem Vergütungsregime die Börsenpreise sinken. Einverstanden soweit. Aber: Sein Ausgangspunkt ist ja angeblich der Preis, den Otto Normalverbraucher für jede Kilowattstunde Strom bezahlen muss. Deshalb hat er das œuvre auf seinem Bierdeckel ja auch listiger Weise “Strompreisbremse” genannt.

Nun: Die Erneuerbaren nutzen kostenlose Sonne und kostenlosen Wind. Konstante Kosten des Inputs also Null. Anders sieht es bei den fossilen Brennstoffen aus. Nehmen wir zum Beispiel Öl. Ein Fass Brent kostete 2000, dem Jahr, als das EEG verabschiedet wurde, 35,50 $. Im Jahr 2012 kostete dieselbe Menge bereits über 128 $, also mehr als das 3,6-fache |Quelle|. Oder Steinkohle: Im Jahr 2000 waren es 42 € pro Tonne SKE (Steinkohleeinheit), im 1. Quartal 2012 bereits 100 € |Quelle|.

Im selben Zeitraum blieb der Preis für Wind und Sonne konstant: Null. Während Öl und Gas aus politisch unsicheren Ländern importiert werden musste, gab es Wind und Sonne direkt aus deutschen Landen. Wie wahrscheinlich ist es also, dass die Strompreise gleich bleiben werden, Peter Altmaier?

Weiter geht’s. Die Kosten für den Netzausbau. Über welche Summe sprechen wir überhaupt, Herr Altmaier? Klar: Strom muss transportiert werden, und zwar bis zur Steckdose. Dafür braucht man Stromleitungen und, solange wir Wechselstrom nutzen, Umspannwerke. In der bisherigen Energielandschaft war das so aufgebaut: Wenige atomar oder fossil betriebene Großkraftwerke produzierten riseige Mengen Strom. Diese wurden dann über weite Strecken dorthin transportiert, wo der Strom gebraucht wurde. Das erforderte einerseits zahlreiche Hochvolt-Stromtrassen und andererseits, dass die Netze dicht miteinander verknüpft waren.

Nicht nur innerhalb Deutschlands, sondern auch darüber hinaus. Und weil das so war, konnte im November 2006 die Ausschiffung des Kreuzfahrtschiffs Norwegian Pearl aus der Meyer Werft in Papenburg auch dazu führen, dass Teile von Deutschland, Frankreich, Belgien, Italien, Österreich und Spanien – also bis zu 10 Millionen Haushalte und unzählige Fabriken – für ca. 2 Stunden überhaupt keinen Strom mehr hatten |Quelle|.


Weiter auf Seite 2: Netzausbau, Reservekapazitäten und mehr ...


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siehe auch:
Statement von Prof. Claudia Kemfert: Herr Altmaier und die Strompreisbremse
Buchempfehlung: «Kampf um Strom. Mythen, Macht und Monopole»
Top-Thema: 5 Fragen zur Energiewende - Interview mit Prof. Dr. Claudia Kemfert




Autor: Sascha Röber

www.sascha-roeber.com

Sascha Röber war nach einer über 20-jährigen Karriere als Banker gut fünfeinhalb Jahre Bereichsleiter Corporate Finance beim Solar- und Windparkprojektierer juwi AG in Wörrstadt. Regelmäßig bloggt und tweetet er zu den Themen Energiewende und Elektromobilität und betreibt die Tesla-Vermitplattform teslanauten.com. Privat fährt er einen Tesla Roadster. Sascha Röber wohnt zur Zeit in Frankfurt am Main.



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