Billiger Gaspreis verändert Wirtschaftlichkeit erneuerbarer Energieträger

18.02.13  09:45 | Artikel: 955168 | Proteus Fach-Artikel

Billiger Gaspreis verändert Wirtschaftlichkeit erneuerbarer Energieträger
Thorsten Zoerner,
Autor und Betreiber von
blog.stromhaltig.de
Es wundert schon etwas, dass in den letzten Wochen nicht mehr ganz soviel zum Thema Netzstabilität und Notwendigkeit von Subventionen für teure Kraftwerke die Erdgas verwenden, zu hören war. Ein wohl nicht unerheblicher Grund hierfür dürfte die aktuelle Entwicklung der Erdgaspreise an der Börse sein. Erstmals ist Erdgas günstiger als Erdöl und damit verschiebt sich auch die Kalkulation für Kraftwerke um einiges. Mit Auswirkungen auf Strom, der aus regenerativen Energieträgern gewonnen wird.

Merit Order beschreibt, dass Kraftwerke in der Reihenfolge aktiviert werden, wie ein positiver Deckungsbeitrag erreicht wird. Ist der Preis für einen Energieträger sehr teuer, so verschiebt sich dieser Kraftwerkstypus in der Aktivierungsreihenfolge nach rechts (spätere Aktivierung) ist der Preis hingegen niedrig nach Links (frühere Aktivierung).

Noch Ende November 2012 lag der Börsenpreis auf seinem 6 Monats-Hoch von 4,05 US-Dollar je mmBtu. Mittlerweile wird Erdgas für 3,23 US-Dollar gehandelt mit der Tendenz zu einem weiteren Rückgang. Die Primärenergiekosten machen gerade bei der Erstellung von Fahrplänen mittels Merit Order den wichtigsten Kostenanteil aus.

In Deutschland existieren laut aktueller Kraftwerksliste im Moment 173 Kraftwerke, die als Primärenergieträger mit Erdgas befeuert werden. Die addierte Netto Nennleistung dieser Kraftwerke liegt bei 19,3 TWh. Das größte Kraftwerk mit zwei aktiven Erdgas Blöcken (Irsching) bringt dabei allein eine Kapazität von 1,391 TWh auf. Im Vergleich kommt die aktuell in Betrieb befindliche Windenergie Offshore lediglich auf 0,28 TWh [Quelle].

Nicht zu unrecht gelten viele Erdgas Kraftwerke – auch Irsching – als systemrelevant. Erdgaskraftwerke eignen sich ideal zur Abdeckung der Spitzenlast und zur Bereitstellung der Regelleistung zum stabilisieren der Netzfrequenz. So wurde zum Beispiel vom Heizkraftwerk Friedensbrücke in der vergangenen Woche zum ersten mal Regelleistung abgerufen, wie der Betreiber in einer Pressemitteilung mitteilt.
„In den Wintermonaten bieten wir nur positive Regelleistung an. Der Übertragungsnetzbetreiber darf unser Kraftwerk also nur nach oben fahren. Die Wärmeversorgung bleibt dadurch garantiert.“

Im Bereich der erneuerbaren Energieträger kommt aktuell die Wasserkraft und die Stromerzeugung aus Biomasse/Biogas für die Übernahme der Systemfunktion Regelleistung in Frage. Gerade bei der Biomasse und Biogasverstromung könnte es jetzt zu einer direkten Konkurrenz kommen, da die Anlagenbetreiber hier bislang mit ähnlichen variablen Kosten rechnen und somit hinsichtlich der Merit Order zu einer selteneren Aktivierung ihrer Kraftwerke kommen.

Auch im Bereich der Windkraft ist der Einstieg in die Vermarktung von Regelleistung aktuell ein Thema. Bereits vor zwei Jahren wurde das Projekt Naturstromspeicher Gaildorf der Öffentlichkeit vorgestellt. Bei diesem Projekt handelt es sich um ein Windkraftwerk, welches überschüssigen Strom zum Pumpen von Wasser in die Konstruktion verwendet. Wird zusätzlicher Strom benötigt, so kann dieses Wasser wie in einem Pumpspeicherkraftwerk verwendet werden. 70 MWh Speichervolumen hat dieses Konzept. 12 MW Regelleistung könnte diese Kombination liefern.

Im Vergleich zu den Großkraftwerken, die mit Erdgas betrieben werden, sind die aktuell vorhandenen Kapazitäten noch relativ gering. Jedoch verändert sich bei einem weiteren Verfall der Erdgaspreise in erheblichem Umfang die Wirtschaftlichkeitsberechnung dieser vielversprechenden Projekte.




Autor: Thorsten Zoerner

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Thorsten Zoerner betreibt den Blog stromhaltig.de. Einen Großteil seiner Fachartikel veröffentlichen wir regelmäßig auch hier auf unserer Seite. Thorsten Zoerner ist Gründungsmitglied der Energieblogger.



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