Volker Quaschning: Unser Strom ist noch viel zu billig

02.10.12  12:00 | Artikel: 954649 | News-Artikel (Red)

Volker Quaschning: Unser Strom ist noch viel zu billigDie zentralen Botschaften zur Energiewende der letzten Monate sind eindeutig: Erneuerbare Energien machen angeblich unseren Strom unbezahlbar. Die Energiewende können wir uns kaum mehr leisten und gefühlte 90 Prozent der Deutschen stehen daher schon kurz vor der Privatinsolvenz. In der realen Welt geben allerdings nicht wenige mehr fürs Handy aus als für die Stromrechnung, Ökostromumlage und Steuern inklusive. Stromsparen und Klimaschutz? Fehlanzeige. Dafür ist unser Strom dann einfach doch noch viel zu billig.

Die Energiewende ist ins Stocken geraten. Nachdem im Frühjahr 2011 noch vollmundig die Energiewende versprochen wurde, versucht die Politik derzeit das Tempo beim Ausbau der Solar- und Windenergie zu reduzieren. Teile der FDP und des CDU-Wirtschaftsflügels würden den Ausbau der erneuerbaren Energien an Land am liebsten sogar ganz unterbinden.

Das wesentliche Argument gegen einen weiteren schnellen Ausbau der Solar- und Windenergie sind die Stromkosten, die durch einen ungebremsten Zubau angeblich auf unzumutbare Höhen klettern würden. Die meisten werden sicher zustimmen, dass unsere Strompreise bereits heute zu hoch sind. Aber Moment mal: Wissen Sie aus dem Stehgreif, wie viel Euro Sie für Ihre Stromrechnung bezahlen? Wenn nein, sind Sie in guter Gesellschaft. Bei verschiedenen Umfragen konnte eine Mehrheit diese Frage nicht beantworten. Auch die Höhe des eigenen Stromverbrauchs ist vielen unbekannt. Über ihren Telefontarif können hingegen wesentlich mehr eine korrekte Antwort geben.

Bleibt die Frage, ob steigende Stromkosten überhaupt dramatisch sind. Was würde eigentlich passieren, wenn die Stromkosten kurzfristig um die Hälfte steigen und wir das zusätzliche Geld tatsächlich in eine schnelle Energiewende und nicht in weitere Entlastungen der Industrie investieren? Strom wäre immer noch billiger als das Telefonieren mit einem iPhone. Für die Haushalte, die wirklich mit der Finanzierung ihrer Stromrechnung ein Problem bekommen, ließe sich mit den Einnahmen eine faire Entlastung finanzieren. Wir könnten in Deutschland eine kohlendioxidfreie Stromversorgung auf Basis erneuerbarer Energien in weniger als 20 Jahren realisieren. Deutschland bliebe Vorreiter bei den Zukunftstechnologien, wodurch unser Wohlstand für die nächsten Jahrzehnte gesichert wäre. Wir müssten auch nicht mehr ganze Dörfer und Landstriche dem Braunkohletagebau opfern. Durch die Innovationen im Strombereich würde auch eine regenerative Wärmeversorgung und die Elektromobilität recht bald Realität werden. Wir würden zunehmend unabhängig von Energieimporten und steigende Öl-, Gas- und Benzinpreise würden uns nicht mehr tangieren. Mit einer gelungenen und abgeschlossenen Energiewende wären wir Vorbild für den Rest der Welt, die globale Erwärmung würde sich auf gerade noch vertretbare Werte stabilisieren und wir würden unseren Kindern einen lebenswerten Planten hinterlassen. Weltweit würde man uns auf die Schulter klopfen und als ewig nörgelnde Deutsche dürften wir endlich mal wieder Stolz auf unser Land sein. Warum fordert eigentlich keine Partei in Deutschland höhere Strompreise? Ich würde sie glatt wählen.




(Autor: Volker Quaschning | volker-quaschning.de)


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